{"id":1348,"date":"2007-07-25T01:39:10","date_gmt":"2007-07-24T23:39:10","guid":{"rendered":"http:\/\/sommergut.de\/wp\/archives\/001348.shtml"},"modified":"2007-07-25T22:36:18","modified_gmt":"2007-07-25T20:36:18","slug":"die-kartografie-des-sozialen-mit-web-20","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/sommergut.de\/wp\/archives\/die-kartografie-des-sozialen-mit-web-20\/","title":{"rendered":"Die Kartografie des Sozialen im Web 2.0"},"content":{"rendered":"<p>In <em>The Tipping Point<\/em> untersucht Malcolm Gladwell die epidemische Verbreitung bestimmter Ph\u00e4nomene, etwa von Modetrends oder politischen Ideen. Dabei referiert er auch ein psychologisches Experiment von Stanley Milgram (der durch das nach ihm benannte <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Milgram-Experiment\">Experiment<\/a> bekannt wurde). Der suchte nach einer Antwort auf das <em>Small World Problem<\/em> und wollte die Beziehungen der Menschen untereinander aufdecken. Dabei besch\u00e4ftigte ihn die Frage, \u00fcber wieviele Stationen (Freunde oder Bekannte) sich beliebige fremde Personen in Verbindung bringen lassen.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Das psychologische Experiment fand Ende der 60er Jahre statt. Angesichts heutiger M\u00f6glichkeiten muten die damals <strong>eingesetzten Mittel primitiv<\/strong> an. Milgram benutzte einen Kettenbrief, den er von 160 Personen aus Nebraska an einen Empf\u00e4nger in Boston zustellen lie\u00df. Die Probanten hatten dabei die Aufgabe, ihren Namen auf dem Brief zu notieren und ihn an jemanden aus dem Bekanntenkreis weiterzureichen, der das Schriftst\u00fcck n\u00e4her an den Adressaten bringen k\u00f6nnte. Die meisten Briefe gelangten nach nur <strong>f\u00fcnf bis sechs Stationen<\/strong> nach Boston, obwohl keiner der Absender den Empf\u00e4nger kannte.<\/p>\n<p>Ein weiteres erstaunliches Ergebnis bestand darin, dass die H\u00e4lfte aller Briefe von nur drei Personen an den Emp\u00e4nger \u00fcbergeben wurden. Beim letzten Glied in der Kette gab es eine au\u00dferordentliche <strong>Konzentration auf wenige \u00dcbermittler<\/strong>. Milgram leitete davon ab, dass nicht alle Stationen in der virtuellen Verbindung zwischen zwei sich nicht bekannten Personen gleich wichtig seien. Vielmehr postulierte er den Typ eines Konnektors, der sozial \u00fcberaus aktiv ist und bei der Vernetzung eine herausragende Rolle spielt.<\/p>\n<p>Verglichen mit dem Kettenbrief von Milgram ist es im Web 2.0 einfach, Beziehungsgeflechte sichtbar zu machen &#8211; sei es \u00fcber die entsprechenden Funktionen in Social Networks wie Xing oder \u00fcber die Vernetzung von Blogs \u00fcber Blogrolls. Anders als Milgrams Experiment k\u00f6nnen Betreiber von Web-2.0-Diensten ganze <strong>Populationen kartografieren<\/strong>, um soziale Verkn\u00fcpfungen sichtbar zu machen. Die Existenz des Konnektor-Typs scheint sich nach meiner Erfahrung dabei zu best\u00e4tigen. Die Xing-Funktion &#8222;Was w\u00e4re, wenn diese Person kein direkter Kontakt w\u00e4re&#8220; zeigt, dass alternative Wege zu einem Kontakt immer wieder \u00fcber eine <strong>Handvoll besonders aktiver Netzwerker<\/strong> f\u00fchren w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Gladwell charakterisiert das Sozialverhalten dieser kontaktfreudigen Personen damit, dass sie Bekanntschaften kultivieren. W\u00e4hrend die meisten Menschen einen \u00fcberschaubaren Freundeskreis haben und Bekannte eher auf Distanz hielten, scheuten die Konnektoren nicht den Aufwand, Kontakte zu Personen zu pflegen, die sie unter Umst\u00e4nden \u00fcber Monate und Jahre nicht treffen (Gladwell nennt als Beispiel einen Probanten, der eine Adressbuch mit tausenden Eintr\u00e4gen f\u00fchrte und jedem darin Verzeichneten zum Geburtstag eine Gl\u00fcckwunschkarte schickte, sofern er dessen Geburtsdatum kannte). W\u00e4hrend die Mehrheit solche oberfl\u00e4chlichen Kontakte (&#8222;weak tie&#8220; im Soziologenjargon) eher frustrierten, seien die sehr aktiven Netzwerker mit solchen <strong>freundlichen Gelegenheitsbeziehungen<\/strong> gl\u00fccklich.<\/p>\n<p>Obwohl ich mein Sozialverhalten in dieser Hinsicht eher als konventionell betrachte, f\u00e4llt mir auf, dass die regelm\u00e4\u00dfige Nutzung von <strong>Instant Messaging und Social Software<\/strong> mir dabei hilft, fl\u00fcchtige Kontakte zu halten, die fr\u00fcher schnell verloren gegangen w\u00e4ren. In meiner Buddy-Liste und meinen Xing-Kontakten finden sich Eintr\u00e4ge, die ich teilweise \u00fcber Monate nicht kontaktiere und die ich dennoch beibehalte, weil etwa die Pr\u00e4senzanzeige von <acronym title=\"Instant Messagin\">IM<\/acronym> eine Verbindung herstellt, ohne mich einen Aufwand zu kosten. Wenn meine Nutzung dieser Techniken repr\u00e4sentativ ist, dann wird dank moderner Kommunikationsmittel zwar nicht aus jedem ein Konnektor, aber die Voraussetzung f\u00fcr epidemische Ph\u00e4nomene im Sozialen jedenfalls g\u00fcnstiger.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In The Tipping Point untersucht Malcolm Gladwell die epidemische Verbreitung bestimmter Ph\u00e4nomene, etwa von Modetrends oder politischen Ideen. Dabei referiert er auch ein psychologisches Experiment von Stanley Milgram (der durch das nach ihm benannte Experiment bekannt wurde). Der suchte nach einer Antwort auf das Small World Problem und wollte die Beziehungen der Menschen untereinander aufdecken. 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