Blogger mäkeln an Usability-Papst herum

18. Oktober 2005 von Wolfgang Sommergut

Jakob Nielsen, bekannt geworden für seine Empfehlungen zu gutem Web-Design (und seiner Kritik an gängigen Design-Fehlern), hat eine Liste von zehn verbreiteten Mängeln bei Weblogs publiziert (”Weblog Usability: The Top Ten Design Mistakes“). Die Reaktionen auf die insgesamt vernünftigen Ratschläge fallen bei mehreren deutschen Bloggern kleinlich und polemisch aus.

Am differenziertesten setzt sich das Agenturblog mit Nielsen auseinander. Es geht alle zehn Punkte durch und prüft ihre Plausiblität. Dabei stimmt Oliver Wagner in den meisten Fällen dem Usabilty-Papst zu. Nur dort, wo es um den geschäftlichen Nutzen von Weblogs geht, legt er Widerspruch ein. Das betrifft die Ratschläge, sich auf ein Thema zu konzentrieren und damit eine Nische zu besetzen, regelmäßig zu posten sowie nicht unter einer Domäne eines Blog-Hosters zu publizieren. Das sind für all jene, die mit ihrem Blog ein Ziel erreichen wollen und die das Schreiben nicht nur als Spaß, sondern auch als Arbeit und Investition betrachten, eigentlich Selbstverständlichkeiten. Und Amerikaner sind in dieser Hinsicht nutzenorientiert und viel pragmatischer. Abgesehen von jenen, die wirklich nur ein privates Online-Tagebuch führen wollen, denken die meisten darüber nach, wie sie Blogs einsetzen können, um sich als Person oder ihr Geschäft bekannter zu machen. Daran finde ich nichts verwerflich, immerhin entstehen durch diese Ernsthaftigkeit interessante Texte und Diskussionen.

Deutsche Blogger ticken da in ihrer Mehrzahl anders, ihre Sites gelten ihnen als private Schatzkästchen und Kommerz ist verpönt oder anrüchig. Dem Niveau der deutschen Blogosphere hat dieses Reinheitsgebot nicht viel gebracht, eher im Gegenteil. Ich möchte Oliver Wagner nicht unterstellen, dass er in seiner Reaktion auf Nielsen eine solche Ideologie vertritt. Aber der Reflex gegen alle Ratschläge, die aus einer Business-Perspektive sinnvoll erscheinen, ist wohl recht typisch für die deutsche Blogosphere – und das gilt nicht nur für den kleinen Dicken von der Bl0gbar.

Die gleiche Tendenz zeigt sich auch bei Alp Uckan, der an denselben Punkten einhakt wie Oliver Wagner und Profi-Adsense-Blogger zum Feindbild erklärt. Völlig unsachlich stänkert Markus Kniebes gegen die Usability-Tipps. Der Rat, beim Schreiben daran zu denken, dass der zukünftige Chef eines Bloggers die Texte lesen könnte, setzt er gleich mit Verliere den Spaß am Bloggen. Eine Erklärung dafür bleibt er indes schuldig. Ein Haar in der Suppe findet auch Jörg Petermann, der Nielsen nachweisen will, dass er gegen seine eigenen Regeln verstoße. Vielleicht ist da was dran, wenn man mit der Lupe hinsieht, aber selbst wenn: Der Wert der zehn Tipps hängt nicht davon ab, ob sie der Autor selbst streng befolgt. Wir alle handeln ab und zu wider besseres Wissen. Jörg, ich schätze deine Liebe zum Detail, wenn du selbst Anleitungen schreibst, aber in diesem Fall bist du zu kleinlich.

Insgesamt halte ich die Liste von Nielsen für einen kompakten und nützlichen Blogger-Leitfaden. Daran ändert auch die Tatsache nichts, dass vieles davon schon von Anderen gesagt wurde, oder die Kritik am Kalender als einziges Navigationselement nicht gerade ins Schwarze trifft. Aber die Zusammenstellung hätte jedenfalls eine bessere Diskussion verdient als jene, die in der hiesigen Blogosphere stattfindet.

Kategorie: Weblogs und Wikis 9 Kommentare »

9 Kommentare zu “Blogger mäkeln an Usability-Papst herum”

  1. Jörg schreibt:

    Dank Dir für Deine wertschätzenden Worte, Wolfgang. :))
    Ich hatte in der Tat ersthaft erwogen, mich mit den Thesen in einem zweiten Beitrag auseinander zu setzen. Es ist nämlich sehr viel Substanz an den Aussagen, mehr, als die verlinkten Beiträge aus meiner Sicht darstellen.
    Aus der Erfahrung meines vorherigen Nielsen-Beitrages (hoffe Du hast ihn gelesen) und vieler Beiträge zu u.a. den angesprochenen Punkten weiss ich nur zu gut, dass Diskussionen zu solchen Themen in der deutschen Bloggerszene nicht den fruchtbarsten Boden zu finden scheinen. Auch scheint ein Beitrag im Unfeld des Gurus von vornherein negativ bewertet.
    Es scheint mir, als dass wir in der Tat lockerer werden müssen, innovativer und uns auch und insbesondere mit dem Gedanken anfreunden, dass man auch durch ein Blog PR und Geld verdienen kann und muss. Beide Dinge scheinen noch absolut verpönt und abgestempelt zu werden.
    Ich liebe Menschen, die AUTHENTISCH das vertreten, was sie denken und proklamieren und bei denen das nicht zwei verschiedene Dinge sind. Alleine die Seite von Nielsen ist die blanke Zumutung, da kann er jahrelange Erfahrung haben. Auch die netten Hinweise und Vorschläge von echte Design-Größen haben da wohl nichts bewirkt.
    Aus diesem Licht gesehen ist Dein Beitrag eine ebenso “Selektive Wahrnehmungen” (siehe Titel Deines Blogs) wie mein Beitrag.
    Ich habe nicht erwartet, dass alle die gleichen Wahrnehmungen haben.
    Aber das macht ja gerade die Farben in der Szene aus.
    Freue mich auf Deinen nächsten Artikel, wenn Du mal ins Detail gehst und substanziell nach vorn schauen neue Wege gehst.
    Grüße Dich herzlichst!
    Jörg

  2. Peter Giesecke schreibt:

    Das Problem ist doch, dass alle Blogs über einen Kamm geschwert werden. Jakob Nielsen macht zwar deutlich, dass er eigentlich über Blogs mit professionellem Anspruch schreibt, dennoch fühlt sich hier in Deutschland jeder semiprofessionelle Blogger angesprochen. Vielleicht wären zwei Top-Ten-Listen besser gewesen – eine für die gängigen Desingfehler der Hobbyblogger und eine für die Gestaltung von Firmenweblogs. Was mich aber vor allem an dieser Top-Ten-Liste gestört hat, ist dass es eigentlich keine blogtypischen Designfehler waren, die Nielsen aufgelistet hat. Das gilt alles auch für ganz ‘normale’ Websitebetreiber. Oder ist etwa ein Weblog nichts anderes?

  3. Martin Recke schreibt:

    Mein Eindruck ist, dass sich die meisten Blogger im deutschsprachigen Raum nicht darüber im Klaren sind, dass ihr Geblogge kommerzielle Züge trägt – auch wenn sie dank der mangelnden Größe dieses Raumes bislang allenfalls überschaubare direkte Umsätze tätigen.
    Alp Uçkan zum Beispiel schreibt natürlich ein kommerzielles Blog – es ist ein Akquisewerkzeug (ob es als solches funktioniert, weiß ich nicht, aber das ändert nichts). Auch dieses Blog hier würde ich als kommerziell bezeichnen, weil es doch sehr viel mit dem zu tun hat, wofür der Autor von seinem Arbeitgeber bezahlt wird.
    Man könnte natürlich eine Unterscheidung zwischen kommerziell (werbefinanziert) und professionell (berufsbezogen) einführen und dann sagen, professionell sei nicht kommerziell, aber das scheint mir reichlich künstlich.

  4. Japhy schreibt:

    Nielsen hat schon in einigen Punkten recht. Allerdings sind seine Listen immer seeehr vereinfachend. Und eine Rezeptlösung für alle Blogs gibt es sich nicht (wichtige Usability-Grundregel: “it depends…”).
    Auch gehen diese Tipps nicht sehr in die Tiefe. Es gäbe viel interessantere Aspekte als den ob ein Autor denn nun ein Bild anbietet oder nicht. Das Problem ist nur das Nielsen aufgrund seiner guten Medienberichterstattung (er beschäftigt eine eigene PR-Firma die das für ihn erledigt) so bekannt geworden ist dass besonders Personen die sich nicht so gut in dem Thema auskennen ihn für die wichtigste (oder einzige?) Quelle für Wahrheiten halten. Die Tipps die er gibt basieren auf seiner subjektiven Meinung, er nimmt ja anscheinend nicht mal mehr die Mühe auf sich, Usabilitytests durchzuführen um zu seinen Ergebnissen zu gelangen.
    Ein Marketing-Genie ist er, aber eine Usability-”Guru”?

  5. Jörg schreibt:

    @Japhy: Da kann ich Dir nur beipflichten, wenn Du die Aussagen nicht so pauschaliert haben willst, sondern konkret und handfest.
    Ich kann sehr wohl mit einem Kamm alle Haare kämmen, dennoch verlangt jede Frisur einen anderen Schnitt und andere Technik. Die eierlegende Wollmilchsau hat niemand erfunden. Die ablehnende Haltung vieler Leser hat gewiss auch damit zu tun, dass ihnen die Aussagen so pauschal wenig helfen.
    Aber die PR hat ja wohl nicht den Zweck anderen zu helfen, sondern lediglich die eigenen Leistungen bekannt zu machen.
    BTW, es gäbe letztlich aber auch kein Guru, wenn niemand auf die Knie fallen würde, ohne vorher seinen gesunden Menschenverstand ein wenig zu gebrauchen.
    Nachahmung ist weit verbreitet, eigenständig denken ist weitaus schwerer.
    “Denken ist die schwerste Arbeit, die es gibt,
    deshalb beschäftigen sich so wenige damit.”
    Henry Ford
    Warum stellen wir unser Wissen so unter den Scheffel?
    Haben wir keine einschlägigen Experten hierzulande?

  6. Wolfgang Sommergut schreibt:

    @Jörg:
    > Alleine die Seite von Nielsen ist die blanke Zumutung, da kann er jahrelange Erfahrung haben.
    > Auch die netten Hinweise und Vorschläge von echte Design-Größen haben da wohl nichts bewirkt.
    Einen seinen Ratschläge hat er aber konsequent befolgt: Sich thematisch zu fokussieren und eine Nische zu besetzen. Auf diese Weise hat er es mit geschicktem Marketing geschafft, sich als Usability-Papst zu etablieren. Das scheint mir der Grund für die Polemiken gegen Nielsen zu sein. Man mag es nicht, wenn sich jemand gut vermarktet oder einen Guru-Status erreicht. In Deutschland gilt es weithin als Tugend, Dinge möglichst zweckfrei zu tun. So sehr Marktschreierei nerven kann, so sehr ist der Wille zum Erfolg eine Bedingung für interessante Ergebnisse (man stelle sich zwei Fußballmannschaften vor, die gegeneinander spielen sollen, aber kein Tor schießen wollen).
    Das gilt auch für die Blogosphere. Sämtliche englischsprachigen A-List-Blogger verbinden mit ihrer Arbeit ein professionelles Interesse, und die Ergebnisse können sich durchwegs sehen lassen – ganz im Gegensatz zu dem, was rauskommt, wenn Leute nach eigener Aussage nur für sich selbst schreiben.
    @Martin:
    Ich verstehe mein Blog nicht als kommerzielle Einrichtung, weil ich damit kein Geld verdiene. Außerdem steht es in keinem Zusammenhang mit meinem Arbeitgeber. Aber natürlich sehe ich darin ein Instrument, als Fachautor bekannter zu werden und meine beruflichen Möglichkeiten zu verbessern.

  7. Lucomo schreibt:

    Ich habe keine Ahnung, wie genau Jakob Nielsen sooo bekannt wurde, wie er heute ist. Wäre ja toll, wenn man allein durch Marketing so bekannt werden könnte. Ich vermute jedoch stark, dass es mit seinem Werdegang zu tun hat. Er war einfach einer der Pioniere beim Thema Usability.
    Aus beruflicher Erfahrung kann ich nur mitteilen, dass das, was Jakob Nielsen sagt, im Großen und Ganzen Hand und Fuß hat. Sprich: Befolgt man seine Tipps, hat man zufriedenere User. Usability ist keine Glaubenssache, sondern die Aussagen von Nielsen und anderen Usability-Experten beruhen schon auf wissenschaftlichen Studien und methodisch durchgeführten Usability-Tests und decken sich mit Forschungsergebnissen zum Beispiel aus der Kognitionspsychologie.
    An der Uni (z.B. im Fachbereich Psychologie) wird Nielsen jedenfalls auch gelehrt. Zum Beispiel die von ihm entwickelte Methode der “Heuristic Evaluation” (http://www.useit.com/papers/heuristic/heuristic_evaluation.html).

  8. thSo schreibt:

    Warum auch immer, aber ich habe diesen Eintrag erst heute gefunden. Nach dem Lesen habe ich mich dann aber doch am Kopf kratzen müssen:
    In Deutschland steht man offensichtlich darauf Dinge (in diesem Fall einen einfachen Vorschlag für mögliche Qualitätskriterien von Weblogs) erst einmal totzureden, um anschließend zu bejammern, dass man mit den Trümmern nichts mehr anfangen kann.
    Jetzt bricht hier sogar eine Diskussion über die Sinnhaftigkeit der Diskussionen über das Thema aus – ich fasse es nicht! Sagt mal Leute, habt ihr nix besseres zu tun? (z. B. an der Qualität eurer Blogs feilen)
    Bis auf Oliver im agenturblog hält es niemand der Zitierten für nötig sich a) vollständig mit der Liste von Nielsen auseinanderzusetzen, sondern hackt einfach auf einzelnen, angeblich unpassenden Punkten herum und b) macht auch kein anderer konkrete Vorschläge für bessere/genauere/angemessenere Kriterien als die genannten.
    Hurra, Deutschland! Meckern kann jeder, konkrete Verbesserungsideen haben wenige. Den Mumm in den Knochen sich den Massstäbe anderer (in diesem Falle Jakob Nielsens) einfach mal zu stellen und unvoreingenommen das Ergebnis zu betrachten, haben offensichtlich die wenigsten. Quintessenz: “Mein Blog IST großartig, deswegen MÜSSEN die Kriterien von Nielsen Scheiße sein.” – Auch eine Form der Auseinandersetzung mit den Vorschlägen anderer Leute. – Sechs, setzen.
    Nochmal in anderen Worten: Statt der hier geführten (IMHO sehr deutschen) Diskussion (aka Gelaber), wünsche ich mir konkrete Gegenvorschläge!
    a) Wo sind eure Ergebnisse bzgl. der Nielsenschen Kriterien?
    b) Wo ist der Gegenvorschlag für die Top10-Weblog-Usability-Richtlinien aus der hier diskutierenden selbstverliebten Gemeinde?
    Wenn wir in Deutschland mal täten, worüber wir ständig nur diskutieren, dann wären wir nicht da, wo wir jetzt sind.
    thSo

  9. Sanníe schreibt:

    Fast lustig, daß hier ausgewiesene “Design-Experten” wie Herr Sommergut und Herr Sommer die knappen Anmerkungen von Alp und Markus als typische Mäkelei in der deutschen Blogosphäre “enttarnen” wollen.
    Darf ich aus Ihrer Pauschalkritik schließen, daß Sie die Diskussionen in der französischen, polnischen und englischsprachigen Blogosphäre verfolgt haben und dort nichts als Zustimmung vorgefunden haben? Wohl kaum, denn Nielsen (wie seine grauenvolle Website!) ist überall gleichermaßen umstritten. Lesetipp:
    http://www.kaipahl.de/dogfood/articles/2005/11/12/nielsen
    Wie kommen Sie eigentlich dazu, gerade jene Leute mit diesen Totschlag-Argumenten niederzustrecken, deren Arbeitsalltag Design und Usability im Internet ist?

    PING:
    TITLE: From WYSIWYG to WYGIWYS
    BLOG NAME: Sqpis World
    Beim Stöbern auf Wolgang Sommerguts Blog bin ich über den interessanten Artikel Blogger mäkeln an Usability-Papst herum auf Jakob Nielsen’s Website mit dem bemerkenswerten Artikel R.I.P. WYSIWYG gestoßen. In diesem propagiert Nielsen die N…

    PING:
    TITLE: Blogger kritisieren Weblogdesign-Artikel von Jakob Nielsen
    BLOG NAME: ThoBlog
    via Martin Roell
    Wolfgang Sommergut schreibt dazu: