Die Wahl der richtigen Wiki-Software

29. Juni 2007 von Wolfgang Sommergut

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Das Angebot an (freien) Wiki-Engines ist fast unüberschaubar. Wer ein Wiki einrichten will, hat also die Qual der Wahl. Ich habe mich in den letzten Wochen ein bisschen umgeschaut, um die passende Software für mich (und ein CW-Projekt zu finden). Hier ein kurzes Resümee:

Wie bei jeder anderen Software hängt die Wahl eines Wikis von den Anforderungen und der Systemumgebung ab. In meinem Fall sollte sich das Tool auf die Wiki-Kernfunktionen konzentrieren und nicht alle Features eines ausgewachsenen CMS bieten. Da für mein Web-Hosting-Paket nur Perl und PHP in Frage kommen, scheiden diverse Implementierungen in .NET, Python oder Ruby aus. Im Wizard von WikiMatrix kann man neben diesen grundlegenden technischen Aspekten auch weitere Kriterien wählen, um die Zahl der potenziellen Kandidaten weiter einzugrenzen. Dabei waren mir noch folgende Faktoren wichtig:

  • Eine halbwegs einfache Installation der Software. Ich will keine Datenbanktabellen manuell anlegen müssen oder ewig in Konfiguationsdateien herumeditieren.
  • Unterstützung für Themes, so dass man relativ einfach zwischen verschiedenen Layouts wählen kann. Vor allem möchte ein typisch Wiki-mäßiges Aussehen vermeiden.
  • Das Rechte-Management sollte erlauben, dass Seiten entweder von jedem Besucher bearbeitet werden können oder dass sie nur Benutzer editieren dürfen, die ihre Mail-Adresse eingeben oder die ein Benutzkonto haben und sich authenfizieren.
  • Die Software sollte frei sein. Dabei achte ich darauf, ob die Entwickler-Community einigermaßen aktiv ist und die Software regelmäßig aktualisiert (man beachte beispielsweise, wie schnell pkwiki2, der neue Stern am Wiki-Himmel verloschen ist). Zudem erleichtert eine große Auswahl an Themes und Plugins die Anpassung des Systems an die eigenen Bedürfnisse.

Unter den genannten Gesichtspunkten habe ich mehrere Tools untersucht. Meine Auseinandersetzung mit den einzelnen Engines reichten von der Recherche hinsichtlich meiner Anforderungen bis zur Installation einiger Programme. Die folgende Einordnung ist also kein Vergleichstest, sondern beruht auf unterschiedlich intersiver Auseinandersetzung mit den jeweiligen Wiki-Implementierungen. Einige hier nicht aufgeführte Systeme schloss ich relativ schnell aus, weil mir das Projekt (intuitiv) keinen überzeugenden Eindruck machte.

  • Bei der Suche nach einer Wiki-Software kommt man kaum an Mediawiki vorbei. Schließlich läuft darauf die Wikipedia und das ist natürlich eine eindrucksvolle Referenz. Darin besteht aber gleichzeitig ihre größte Beschränkung:

    The program is primarily developed to run on a large server farm for Wikipedia and its sister projects. Features, performance, configurability, ease-of-use, etc are designed in this light; if your needs are radically different the software might not be appropriate for you.

    Die Installation ist weitgehend Handarbeit, Plugins muss man in dieser unübersichtlichen Tabelle zusammenklauben und die Unterstützung für Themes ist mager – sowohl was das Angebot angeht als auch die technischen Voraussetzungen dafür. Man kann sich anhand dieser oder jener Anleitung selbst ein Layout schnitzen.

  • Wikka Wiki ist nach Angaben des Projektteams eine leichtgewichtige Wiki-Engine auf Basis von PHP und MySQL. Es handelt sich dabei um einen selbständigen Entwicklungszweig (”fork”) von WakkaWiki. Die Installation geht einfach vonstatten, man kopiert die Dateien per FTP auf den Server, richtet eine Datenbank ein und startet das Installationsskript. Danach sollte das Wiki lauffähig sein, bei meinem Test fehlte aber in der URL der Schrägstrich zwischen Hostnamen und Seite, weil das Setup den Wiki-Pfad ohne abschließenden ‘/’ in die Config-Datei eingetragen hatte.

    Wikka kennt ein fein abgestuftes Rechte-Management, das bis auf Seitenebene festlegen lässt, welcher Benutzer was tun darf (die Benutzernamen müssen in CamelCase geschrieben werden). Es eignet sich daher auch zum Betreiben “normaler” Websites, im Wikka-Jargon ist von Invisible Wiki die Rede. Das Aussehen lässt sich über Skins verändern, es handelt sich dabei aber um keine Templates, sondern bloß um CSS-Dateien. Die meisten Skins (etwa die im Skin Selector angebotenen) unterscheiden primär in Farbe und Positionierung der Wiki-Aktionen. Das Angebot an ansprechenden Oberflächen ist insgesamt ziemlich mager.

    Die Wikka-Community ist recht aktiv, für das System gibt es eine Reihe von Erweiterungen (”Actions” im Wikka-Jargon). Allerdings kann Wikka diesbezüglich mit PmWiki oder DokuWiki nicht mithalten. Gegenüber den beiden genannten Konkurrenten hat es zudem für den internationalen Einsatz einen gravierenden Mangel: es existiert nur in einer englischen Fassung, Lokaliserungen für andere Sprachen gibt es bis dato nicht.
  • Tikiwiki versteht sich trotz seines Namens nicht als bloßes Wiki-Tool, sondern als Groupware und CMS, um alle Arten von Web-Anwendungen zu realisieren: Sites, Portale, Intranets und Extranets. Offenbar hatte das System in der Vergangenheit größere Sicherheitsprobleme, denn es wurden zuletzt eine Reihe von Security-Updates veröffentlicht. Die Kritiken in der kanonischen Liste für Wiki-Engines sind offenbar nicht mehr ganz frisch, fallen zum Teil aber nicht gerade positiv aus. Die letzte Version, die noch einige Neuerungen brachte, ist die 1.9.4 und wurde vor rund einem Jahr freigegeben. Seither gab es im Wesentlichen nur mehr Fehlerbereinigungen.
  • Bitweaver ist ein Abkömmling von TikiWiki und verfolgt den gleichen CMS/Groupware-Ansatz. Trotz der besonderen Betonung von Performance, die im Vergleich zu TikiWiki erheblich verbessert worden sein soll, nähren solche Tuning-Anleitungen (every directory is scanned on every page load) meine Zweifel an der Ausführungsgeschwindigkeit der Software. Die aktuelle Version 1.3.1, die als Bugfix-Release angekündigt wurde, kam im Juni 2006 raus.
  • ErfurtWiki ist eine von mehreren Wiki-Engines deutscher Provinienz. Sie wurde ebenfalls in PHP geschrieben und kann vollständig in einem einzigen Script (”monsterwiki script”) zusammengefasst werden. Daher lässt sie sich relativ einfach in (PHP-basiernde) Websites einbinden. Die Software unterstützt Themes (”Skins”), die Auswahl dafür ist indes relativ gering. Allerdings finden sich in der Liste auf Sourceforge einige gelungene Layouts. Die Anforderung einer differenzierten Rechtevergabe erfüllt die Software standardmäßig nicht, ihr muss dafür mit Erweiterungen auf die Sprünge geholfen werden:

    If you’d like to use authentication, you’ll probably want to chain some plugins which enable you to use the user database from yoursite.php (…) The easiest way to cripple a Wiki setup to be browseable-only for the larger public, and to allow only a small subset of users to edit pages is to write two wrapper scripts around the ewiki.php library.

    Bei meinen Besuchen der Sourceforge-Präsenz von EWiki zeigte sich diese von Vandalen übel zugerichtet. Die Dokumentation der Software besteht nur aus einer Klartext-Readme-Datei.

  • PmWiki gehört zu den beliebtesten Wikis auf PHP-Basis. Im Unterschied zu Bitweaver oder TikiWiki konzentriert es sich auf der eigentlichen Wiki-Features. Allerdings lassen sich über Plugins viele Funktionen nachrüsten, die in den beiden genannten Systemen mitgeliefert werden. Unter den zahllosen Addons finden sich etwa solche, um PmWiki als Weblog-Software oder Diskussionen nutzen zu können. Die von mir gestellten Anforderungen kann PmWiki durchgängig erfüllen: Die Installation geht relativ unkompliziert vonstatten, das Layout lässt sich über Skins austauschen und ein differenziertes Rechte-Management kann den Zugriff bis auf die Ebene einzelner Seiten regeln. Zu den Eigenheiten von PmWiki zählt, dass es für die Speicherung keine SQL-Datenbank verwendet, sondern die Texte im Dateisystem ablegt.
  • DokuWiki verfolgt einen ganz ähnlichen Ansatz wie PmWiki und erfüllt alle von mir gestellten Anforderungen: Open Source (GPL), einfache Installation, fein abgestuftes Rechte-Management, Themes und zahlreiche Plugins. Wie pmwiki verzichtet auch DokuWiki auf eine Datenbank und speichert die Texte in Dateien. Eine Spezialität von DokuWiki sind Namensräume, mit denen man seine Texte organisieren kann.

Unter den sechs von mir näher betrachteten PHP-Wikis kamen PmWiki und DokuWiki in die engere Wahl. Die Entscheidung fällt nicht leicht, weil beide Systeme einen sehr guten Eindruck hinterlassen und von aktiven Communities weiterentwickelt werden. Für den Einsatz bei der Computerwoche habe ich DokuWiki den Vorzug gegeben, nicht zuletzt aufgrund der Einschätzung von Harry Fuecks. Er hält die Speichermethode von DokuWiki für effizienter als jene von PmWiki, was bei einer großen Zahl von Dokumenten in punkto Performance von Bedeutung sein könnte. Ein weiterer Pluspunkt für DokuWiki war zudem, dass ich dafür ein attraktives Theme gefunden habe.

Siehe auch:

Tipps zum Betreiben eines Wiki

Der Nutzen von Blog-Modulen in Wikis

Kategorie: Open Source, Weblogs und Wikis 12 Kommentare »

12 Kommentare zu “Die Wahl der richtigen Wiki-Software”

  1. Die Einschätzung von Harry Fuercks ist vom “Monday, October 11th, 2004″ und hat schon einige Sachen verpaßt, vermute ich mal. Andy Dorman sieht als moderne Enterprise Wikis z.B. Atlassian Software Systems, Socialtext, CustomerVision, Near-Time and Mindquarry.

  2. Wolfgang Sommergut schreibt:

    Wenn ich das richtig sehe, haben sich seit der Begutachtung durch Fuecks die Datenformate der beiden Systeme nicht grundsätzlich geändert. Zu den kommerziellen Enterprise-Wikis siehe meinen Beitrag auf computerwoche.de.

  3. xwolf schreibt:

    Guter Artikel.
    Wobei ich in Bezug auf die Bewerung von Mediawiki nicht ganz verstehen kann, was du mit den Zitat ausdrücken willst. Denn das Mediawiki gerade in Bezug auf die Konzentration auf Performance und Zuverlässigkeit Schwerpunkte legt ist nicht negativ, sondern überaus positiv zu sehen. Insbesondere dann, wenn man die Software bei großen Organisationen einsetzt.

    Zu den Templates: Sicher ist die Liste der freigegebenen Templates nicht so groß wie beispielsweise bei Wordpress. Trotzdem werden von Haus aus schon 7 Templates mitgeliefert.
    Und das aktuelle Templatesystem ist bei weiten nicht so aufwendig wie es auf den ersten Blick scheint. Aus eigenen Umbauarbeiten muss ich da sagen, daß die Aufwand ein vorhandenes CI mit Mediawiki umzusetzen, geringer und einfacher war als dasselbe mit Wordpress zu tun.

    Einen wichtigen Faktor sollte man bei der Wahl auch betrachten: Nämlich die des Schulungsaufwandes. Und da sehe ich bei DokuWiki doch einige nachteile.

  4. Jokerine schreibt:

    Vielen Dank für die viele Mühe. Ich habe an mein Wiki ungefähr die selben Ansprüche wie du, nun aber weniger arbeit vor mir. ;)

  5. nighti schreibt:

    Für einen groben Überblick – ein gewiss guter Artikel.
    Die Bewertung von MediaWiki finde ich allerdings auch etwas seltsam, und schließe mich dabei ganz den Worten von xwolf an. Warum offenbar explizit auf eine SQL-Datenbank verzichtet werden sollte, kann ich ebenso nicht ganz nachvollziehen – dürfte wohl seinen Grund haben.
    Wie auch immer:
    An allen erwähnten, bzw. in die engere Wahl gezogenen Wikis, ist gewiss etwas dran. Und sollte man ohnehin gröbere „Umbauten“/Veränderungen an der Software, Template etc vorhaben, würde ich dazu dennoch glatt das MediaWiki vorziehen, denn nach meinen neuesten Recherchen bezgl. MediaWiki, so lässt sich offenbar “relativ” problemlos vieles damit anstellen – aber mit anderen gewiss auch …

    Grüße!

  6. Nils Lindenberg schreibt:

    Danke für die lobende Erwähnung von Wikkawiki. Ich erlaube mir einfach mal zwei Anmerkungen: Das Problem mit der manchmal fehlerhaften Pfaderkennung bei der Installation ist bekannt, der Code ist teilweise neugeschrieben und damit in den nächsten Versionen hoffentlich klüger :)

    Lokalisierungen des Interfaces werden wohl noch etwas brauchen (das Umschalten zwischen de/en läuft bei meinem Testcode bspw. ohne Probleme).

    Mein Ratschlag für alle, die nach dem richtigen Wiki für sich/die Firma/etc. suchen: Wie die Liste und die Kommentare zeigen, differieren die Anforderungen und die Einschätzungen der verschiedenen Wiki-Engines oft, daher einfach mal mehrere installieren und ausprobieren.

  7. Thomas schreibt:

    Interessanter Artikel. Schade, dass Sie fast nur über Mediawiki schreiben, denn das ist etwas einseitig. Es ist aber trotzdem interessant. Vielen Dank

  8. Thomas schreibt:

    Micromatas GWiki is now OpenSource
    We are opening our embeddable Wiki engine “GWiki”, which is written in Java with the Apache License 2.0 to all backend Java developer in the world. If you want to allow your customer to edit rich text fragments in your app, even their I18N files or mulitimedia content in the Wiki-way… try our GWiki – it rocks.

    Since Gwiki can be extended with macros written in Java or Groovy it really flexible. The powerful right and role system (can be feeded from external sources such as LDAP) even allows the acces to business entities from wikipages.

    Wicket integration comes out-of-the-box (http://labs.micromata.de/gwiki/gwikidocs/howtos/en/GWikiandWicket) and has a quite nice feature: You can hold the Wicket-HTML-Fragments within GWiki, so this pages can be managed by the Wiki System, Wicket does the app-logic – every Wicket developer mus see this, it’s great!

    GWiki can be deployed as a Servlet on every Servlet Container. It comes with a Jetty. So just unpack, gwikiweb.cmd or gwikiweb.sh and browse your workstation: http://localhost:8081/index

    GWiki does not depend on a database, for content-storage you can configute, files, ZIP-Arcive or a database. We love to store the GWiki content in a SVN managed Filesystem ;-)

    You can get GWiki sources and ready to run binaries from Micromata-Labs http://labs.micromata.de/display/gwiki/Home

    have a good time

    Thomas

  9. jedcooper schreibt:

    Ein sehr schöner Bericht, der ein wenig Licht ins Dunkel der vorhandenen Software bringt.

    Für mich persönlich soll das Wiki eher zu Lernzwecken dienen, und ich möchte mein Wissen “digitalisieren”.

    Interessant zu wissen wäre hierbei, da ich es zweisprachig aufbauen möchte (Deutsch und Englisch), ob es eine Wikisoftware gibt, die z.B. aus einem englischen Text bzw. Begriff, der auf einen anderen Artikel verlinkt, auch auf einen Artikel in anderer Sprache verlinkt werden kann.

    Beispiel:
    This sentence contains nothing but an _example_. Wobei _example_ dann der Link wäre, jedoch auf das deutsche Wort und dessen Seite “Beispiel”.
    (evtl. mit entsprechendem Balloontip oder ähnl. Hinweis)

    Ansonsten danke nochmal fürs Aufschreiben! Sicherlich sehr nützlich für einige.

    MfG

  10. [...] Ull, neben den drei genannten, kannst du eine Wikisoftware besonders empfehlen? Ich lese gerade Die Wahl der richtigen Wiki-Software – Wolfgang Sommergut , stelle aber fest das der Artikel von 2007 ist. Dokuwiki klingt aber eigentlich recht gut. ps: [...]

  11. gwengler schreibt:

    Danke für diese übersichtliche Auswertung, die meine Entscheidung leichter macht.

    gwengler