Die Google-Toolbar und die Unantastbarkeit von fremden Inhalten

19. Februar 2005 von Wolfgang Sommergut

Seit ein paar Tagen kann man die Betaversion der Google Toolbar 3, ein Plugin für den Internet Explorer, herunterladen. Sie bringt im Wesentlichen drei Neuerungen: Eine Rechtschreibprüfung, eine Übersetzungshilfe und ein Feature namens “Autolink”, das einige Gemüter erhitzt. Es kann nämlich Adressen in HTML-Seiten aufspüren und in Links auf Googles neuen Landkartendienst verwandeln. Kritiker, allen voran Blogger, sehen darin einen unzulässigen Eingriff in fremde Inhalte.

Google Toolbar Autolink

Als einer der lautstarken Ankläger hat sich Steve Rubel hervorgetan, der die neue Toolbar-Funktion mit Microsofts “Smart Tags” vergleicht. Zur Erinnerung: Microsoft wollte damit den Internet Explorer 6 befähigen, bestimmte Begriffe in Web-Seiten automatisch als Hyperlinks darzustellen, wovon vor allem MSN profitiert hätte. Gegen diese Pläne formierte sich Widerstand im Web, so dass Microsoft das Vorhaben aufgab (aber auch wegen markenrechtlicher Bedenken).

Der Vergleich zwischen Googles Autolink und Microsofts Smart Tags hinkt aus mehreren Gründen. Rubel argumentiert in einem CNet-Beitrag, dass Google im Web eine ähnlich starke Position habe wie Microsoft auf dem Desktop. Er übersieht dabei aber, dass Autolink kein Feature der marktdominierenden Google-Suchmaschine ist, sondern nur der weit weniger bedeutenden Toolbar. Microsoft hätte hingegen mit seinen Smart Tags einen Browser zurechtbiegen können, der einen Marktanteil von über 90 Prozent hat.

Es gibt aber noch einen weiteren wesentlichen Unterschied: Während Smart Tags die Inhalte von Websites automatisch modifiziert hätten, muss der Benutzer der Google Toolbar explizit die Autolink-Funktion aufrufen. Das ist ein entscheidender Punkt. In der Diskussion auf Rubels Blog wird die Message Integrity, also die Unantastbarkeit der Nachricht (=Web-Seite, E-Mail, Chat, etc.) als wesentliches Gut propagiert. Diese kann man natürlich sehr eng auslegen, so dass jeder Eingriff ohne Zustimmung des Senders und Empängers als illegitim empfunden wird. Eine nach meiner Ansicht pragmatischere Haltung wäre, die unverfälschte Übertragung von Content – ohne Eingriffe Dritter -an den Empfänger zu fordern.

Googles Autolink-Funktion verträgt sich mit einer solchen liberalen Sicht der Message Integrity. Der Konsument erhält die Seite in unverfälschter Form und es steht ihm dann frei, diese dann für seinen Gebrauch zu verändern. In diesem Sinne unterscheidet sich die Google-Toolbar nicht von Popup- und Flash-Blockern, oder dem Bookmarklet zur Hervorhebung von Links mit nofollow-Attribut. Viel weitergehende Möglichkeiten, fremde Seiten zu modifizieren, bietet die Firefox-Extension Greasemonkey, die etwa die Funktionalität von Bloglines verändern kann.

Die unrühmliche Rolle der Blogger

Auffällig bei der emotional geführten Debatte um Googles Autolink ist, dass sie von Bloggern angestoßen und das Thema dann von etablierten Medien übernommen wurde. Das erscheint zumindest im englischsprachigen Raum mittlerweile nicht mehr ungewöhnlich. Es gibt aber zu denken, dass kommerziell ausgerichtete Sites mit dem Toolbar-Feature offenbar weit weniger Probleme haben als Blogger. Immerhin könnten Yahoo oder MSN als Anbieter eines eigenen Landkarten-Service aufschreien. Nachdem die Google-Toolbar auch ISBNs verlinken kann, müssten sich auch Buchhändler Sorgen machen – aber das Gegenteil scheint der Fall, Barnes and Noble signalisiert offenbar Interesse an dieser Funktion.

Wenn die Autolink-Funktion Inhalte von Weblogs modifiziert, dann geht es in der Regel ökonomisch um gar nichts. Umso reflexhafter wirken bei derartigen Anlässen die übertriebenen Reaktionen aus der Blogosphere. Das Hochstilisieren eines privaten Online-Journals zu einem unantastbaren Schatzkästlein wirkt im Kontext vernetzten Publizierens geradezu paradox. Dort ist (fast) jedes Weblog ein (mehrfach) redundanter Knoten in einem unüberschaubaren Geflecht. Nichtsdestotrotz werden gerade dort so verstaubte Konzepte wie die Authentizität des Autors und seiner Rede aus der Mottenkiste hervorgeholt.

Allzu häufig bleiben bei solch übertriebenen Reaktionen jounalistische Sorgfalt und Verantwortungsbewusstsein auf der Strecke. Dave Winer etwa verteufelt die Autolink-Funktion, obwohl er sie offenbar gar nicht ausprobiert hat (und sie deshalb mit den Smart Tags gleichsetzt). Es beginnt nun ein Kesseltreiben um die Google-Toolbar, in dem sich eine Blogger-Meute zusammenrottet, um Google unter Druck zu setzen. Das erinnert natürlich unangenehm an die Hatz auf den Nachrichtenchef von CNN, Eason Jordan, den konservative US-Blogger zur Strecke gebacht haben – und diese Form publizistischer Treibjagden sollten nicht in Mode kommen.

Kategorie: Firmenstrategien, Suchmaschinen Comments Off

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