Reaktionen deutscher Blogger auf O’Reillys Blog-Etikette

13. April 2007 von Wolfgang Sommergut

Sehr viele Weblogs berichten auch hierzulande über Tim O’Reillys Vorschlag für einen Blogger-Verhaltenskodex. Die meisten Schreiber reagieren ablehnend, allerdings findet kaum eine ernsthafte Auseinandersetzung mit dem „Blogger’s Code of Conduct“ statt. Es dominiert die Befürchtung, dass da jemand die Blogger an die Kandare nehmen wolle.

Der fleißige Robert Basic war einer der ersten, der über die Initiative von Tim O’Reilly berichtete. Seine Einschätzung fällt kurz und knapp aus: im Großen und Ganzen halte ich nach wie vor solche Werke für Schwachsinn. Ein paar Sätze darüber, wie er zu dieser Einschätzung kommt, wären interessant gewesen. Wie einige andere Blogger überlässt er das Argumentieren Jeff Jarvis, der sich aufführt, als wollte O’Reilly alle Blogger kastrieren. Ähnlich wie Basic verfährt auch Stephan Mosel auf PlasticThinking: Er nennt den geplanten Leitfaden einen Blödsinn von O’Reilly und zitiert zustimmend einen Text von Tony Long in Wired. Ebenfalls kurz angebunden ist Helge Fahrnberger, der die Diskussion um den Code of Conduct entbehrlich hält und sich für den Simple Code for Posting on the Web ausspricht.

Unter den von mir gesichteten Blogs setzt sich der Werbeblogger am ausführlichsten mit den Verhaltensregeln auseinander. Er geht die einzelnen Vorschläge Punkt für Punkt durch und diskutiert Pro und Kontra. Sein Fazit lässt offen, ob er den Vorstoß von O’Reilly unterstützt oder ablehnt. Der Tenor ist eher skeptisch, d.h., obwohl er einige Regeln brauchbar findet, zweifelt er, ob sie etwas verändern können.

Oliver Gassner hält den Leitfaden für Blogger sogar für gefährlich, er sei eine schöne Basis für weitere Braver-Blogger-Abzeichen(-oder-schwarze-Listen)-Diskussionen in D. (Angezettelt von Leuten, die wissen sollten, wozu mal ‚etikettierte Leute‘ und ‚Listen‘ in D normalerweise benutzt Auch er bezieht sich affirmativ auf die Polemik von Jarvis.

Nach meiner Auffassung gründet die Ablehnung des Blogger’s Code of Conduct in den meisten Fällen auf folgenden Interpretionen:

  1. O’Reilly will sich zum obersten Sittenwächter aufschwingen und aufmüpfige Blogger zähmen,
  2. Die meisten Punkte gebietet ohnehin der gesunde Menschenverstand, dafür brauchen wir kein eigenes Regelwerk,
  3. Die Etikette für Blogger bringt ohnehin nichts, niemand wird sich darum kümmern.

Punkt 1 übersieht, dass sich Blogger bestimmte Beschränkungen freiwillig auferlegen sollen. Niemand wird gezwungen, wer keinen Sheriffstern trägt und den Code ignoriert, dem dürften wohl keine Nachteile entstehen. Vor allem geht es bei den vorgeschlagenen Regeln nur um formale Vorgaben und um keine inhaltlichen Einschränkungen: Wenn man sich zu einem gesitteten Diskussionsstil bekennt, kann man sich in der Sache trotzdem mit Anderen streiten. Allerdings sollte das ein Wettstreit um die besseren Argumente sein und keine Pöbeleien und Angriffe gegen die Person. Was den gesunden Menschenverstand (Punkt 2) anlangt: Die Realität zeigt, dass sich Blogger und Verfasser von Kommentaren ziemlich daneben benehmen können. Es schadet daher nicht, dass ein bestimmtes Verhalten explizit abgelehnt wird. Schließlich spricht es nicht gegen einen Verhaltenskodex, dass er voraussichtlich nur bedingt wirksam ist. Kaum jemand richtet sich in seinem Sozialverhalten streng nach dem Knigge. Aber die normative Kraft der dort postulierten Regeln bewirkt immerhin, dass es einer Minderheit vorbehalten bleibt, bei Tisch zu rülpsen. Und selbst die Betreffenden wissen aufgrund der allgemein anerkannter Benimmregeln, dass sie es eigentlich nicht tun sollten.

Kategorie: Weblogs und Wikis 3 Kommentare »

3 Antworten zu “Reaktionen deutscher Blogger auf O’Reillys Blog-Etikette”

  1. OliverG sagt:

    Mit dem selben Argument könnte man sich für einen anstecke ‚ich furze nicht in Aufzügen‘ aussprechen. So eine Selbstverpflichtung schadet auch nicht. Ist aber genau so sinnlos ;)
    Das ist lediglich ne neue Basis für Mobbingspielchen.
    Und wenn ich mak vom leder ziehen will oder einen vom leder gezogenen Kommentar, der nicht strafrechtlich relevant ist, stehen lassen will, dann will ich das können. Ohne mir hin zur Kopfschere noch einen Sidebarscherriffstern aufs Gewissen laden zu müssen. (dersatzwarscheisse ;) )

  2. Die Anstecker für Weblogs (Sheriffstern und Dynamitstange) finde ich auch albern. Es würde mich nicht überraschen, wenn diese Abzeichen in der endgültigen Version des Blogger’s Code of Conduct verschwänden. Aber einer Netiquette für Blogger, die einen offenen Prozess entwickelt wird, kann ich schon etwas abgewinnen.

  3. helge sagt:

    übrigens (weil ich gerade drüber stolpere), kathy sierra hält auch wenig vom code of conduct: http://www.gapingvoid.com/Moveable_Type/archives/003864.html